Energiestrategie 2050

Die Wende ist kein Selbstläufer

Von Frank Wagner · 2016

Auch Endverbraucher müssen verantwortungsvoll mit Energie umgehen, wenn die Energiewende gelingen soll.

Die Volksinitiative fordert eine frühere Abschaltung der AKWs. Das gefährde die Stromversorgung, sagen die Verfechter der Energiestrategie 2050. Denn bereits deren Ziele erscheinen recht sportlich.

Wer wünscht sie sich nicht eher heute als morgen, eine Welt der ausreichenden erneuerbaren Energien? Eine Zukunftsvision, wie sie der Bundesrat bereits im Jahr 2011 skizziert und beschlossen hatte. Mehr als fünf Jahre später, am 30. September 2016, hat die Bundesversammlung schliesslich mit grosser Mehrheit ein erstes Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 angenommen. Konkrete Kernpunkte? Vor allem die Erhöhung des Netzzuschlages von aktuell 1,3 auf 2,3 Rappen pro Kilowattstunde sowie Änderungen bei der CO2-Abgabe. Immerhin: Damit stehen im Prinzip endlich zusätzliche Gelder für erneuerbare Energien und den dringend notwendigen energetischen Ausbau bereit. Doch zunächst muss die Abstimmung über die Vorlage der Volksinitiative «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie» am 27. November abgewartet werden, und dann – frühestens im Mai 2017 – eventuell die entsprechende Volksabstimmung.

Jeder Einzelne ist gefragt

Doch wenn es sich auch nur um einen ersten Schritt handelt, die Energiestrategie 2050 nimmt allmählich Fahrt auf: Neben dem Bekenntnis zur nachhaltigeren Produktion gewinnt das Thema Energiesparen nun an Bedeutung. Die von der Mehrheit gewollte Wende kann nur gelingen, wenn auch die Endverbraucher verantwortungsvoller mit der Energie umgehen. Ein Beispiel: Laut des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) könnte allein mit dem Strom, den die drei Millionen Kaffeemaschinen in Schweizer Büros verbrauchen, die Stadt Luzern ein Jahr versorgt werden. Bis 2020 geht das UVEK noch von einem etwa einem Prozent höheren Stromverbrauch aus. Dank der immer effizienter arbeitenden elektrischen Geräte könnte bis 2050 aber durchaus eine Ersparnis von 28 Prozent erreicht werden. Ziel ist, dass 2050 pro Einwohner nicht mehr als 5861 Kilowattstunden Strom konsumiert werden.

Energiefresser Altbauten 

Fast die Hälfte der Energie verbrauchen die 1,5 Millionen Schweizer Gebäude. Viele sind so schlecht isoliert, dass sie bis zu siebenmal so viel Energie verbrauchen wie Neubauten. Nur knapp ein Prozent der Altbauten ist energetisch auf dem neuesten Stand. Angestrebt wird zunächst mindestens ein doppelt so hoher Wert. Die Vorsteherin des UVEK, Doris Leuthard, wiederholte diese Forderung Anfang November noch einmal vor Vertretern der Immobilienbranche: Das erste Massnahmenpaket enthalte deshalb entsprechende Steueranreize. Abrisskosten sollen künftig steuerlich absetzbar und Sanierungskosten über mehrere Steuerperioden verteilbar sein. Ausserdem wurde das Gebäudeprogramm, das sich aus der CO2-Abgabe finanziert, bis 2025 verlängert.

Energieproduktion: Hin zu den Erneuerbaren

Die alternative Stromgewinnung wird – auch im Hinblick auf «teure» Gefahren der Kernenergie – immer effizienter und somit auch wirtschaftlich interessanter. Die tatsächlichen Kosten für den Ausstieg aus der Kernenergie betragen voraussichtlich bis 2050 «nur» etwa eine Milliarde Franken pro Jahr. Die Energiestrategie 2050 will jedoch bewusst einen Umstieg auf Raten. Daher können nach dem bisherigen Planungsstand neben den AKWs, die derzeit noch etwa 38 Prozent der Energie liefern, auch noch konventionelle thermische Kraft- und Fernheizkraftwerke genutzt werden. Zunehmend stehen hier immerhin nachhaltiger arbeitende Gas-Kombi-Kraftwerke beziehungsweise Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen zur Verfügung. Vor allem soll sich aber der Anteil aus alternativen Energiequellen erhöhen: Die Wasserkraft, bislang bereits mit 56,4 Prozent dabei, soll noch weiter ausgebaut werden. Daneben setzt man auf die mit 2,6 Prozent bislang noch unterrepräsentierte Nutzung der Wind- und Sonnenenergie sowie auf «neue» Alternativen wie Holz, Biomasse, Wind, Geothermie und Umgebungswärme. Derzeit wird in einem Umfang von 80 Prozent Energie importiert, bei den fossilen Brennstoffen praktisch 100 Prozent. Beim Strom konnte die importierte Menge seit 2012 jedoch fast halbiert werden. So soll es nach dem Willen der Politik auch weitergehen, zumal nicht klar ist, welchen Strommix man sich ins Land holt. Es ist nicht auszuschliessen, dass im Falle eines erfolgreichen Referendums hier eventuell umgedacht werden muss.